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Vielfalt der Studiengänge: Transparenz verbessern

Regelmäßig wird in Deutschland die Zahl der Studiengänge als zu hoch kritisiert. In diesem Zusammenhang wird auch eine vermeintlich zu starke Spezialisierung beklagt („Nischenstudiengänge“). Fakt ist: Die aktuelle Vielfalt der Studiengänge ist weder für Studierende noch Arbeitgeber nachteilig. Ein deutlicher Anstieg des Angebots gegenüber der Zeit vor Beginn des Bologna-Prozesses ist lediglich im Bereich der Masterstudiengänge festzustellen. Dieser ist eine logische und gewollte Folge des Bologna-Prozesses.

Irrtum: Mit ihren „überspezialisierten“ Angeboten bilden die Hochschulen am Arbeitsmarkt vorbei aus.
  • Die Akademikerarbeitslosigkeit bewegt sich mit 2,5 % seit Jahren im Bereich der Vollbeschäftigung. Es gibt keine empirischen Belege dafür, dass eine vermeintlich zu starke Spezialisierung schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt mit sich bringt.
  • Alle Bachelor- und Masterstudiengänge müssen akkreditiert werden. Durch die Beteiligung von Expertinnen und Experten aus der Berufspraxis an den Akkreditierungsverfahren wird die Arbeitsmarktorientierung der Studienangebote sichergestellt.

Fakt: Zahl der Angebote für Studienanfänger ist in den vergangenen Jahren nur moderat gestiegen.
  • Aktuell (Stand September 2018) sind im Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) rd. 10.500 sog. grundständige Studiengänge (darunter 8.867 Bachelor- sowie 1.259 Staatsexamensangebote) gelistet, die sich an Studienanfänger richten.
  • Unmittelbar vor Beginn des Bologna-Prozesses (Wintersemester 1999/2000) wurden an deutschen Hochschulen 8.357 grundständige Studiengänge angeboten. Das Angebot an diesen Studiengängen ist in den letzten 18 Jahren damit jährlich lediglich um 1,4 % angestiegen.
  • Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Studierenden im Erststudium von rd. 1,5 Mio. auf ca. 2 Mio. erhöht, d.h. um jährlich 2,2 %. Dies bedeutet, dass inzwischen sogar im Durchschnitt mehr Studierende auf einen Studiengang entfallen als in der Vergangenheit.
  • Der moderate Anstieg der Zahl grundständiger Studiengänge ist auch auf das Wachstum privater Hochschulen zurückzuführen, die zu Beginn des Bologna-Prozesses noch kaum eine Rolle spielten, aktuell aber 1.600 Studiengänge anbieten. Im Jahr 2000 waren von 345 Hochschulen 74 in privater Trägerschaft (einschl. konfessionell), heute sind es von 396 Hochschulen117.
  • Darüber hinaus ist auch allein die Zahl der dualen Studiengänge in den letzten Jahren um mehr als 1.000 gestiegen, wobei diese selbstverständlich auch von privaten Hochschulen angeboten werden.

Fakt: Der Anstieg der Masterstudiengänge ist sinnvoll und war politisch gewollt.
  • Neben den rd. 10.500 grundständigen Studiengängen listet der HRK-Hochschulkompass aktuell 9.152 Masterstudiengänge auf. Zugangsvoraussetzung hierfür ist ein erster Hochschulabschluss. Diese Master-Studiengänge sind alle erst im Rahmen des Bologna-Prozesses in den letzten 18 Jahren entstanden.
  • Dass es bei Masterstudiengängen zu erheblichem Wachstum kommen würde, war abzusehen und auch ein richtiges Anliegen der Politik sowie der Arbeitgeber: Hochschulen sollten ihr Angebot an breit aufgestellten grundständigen Studiengängen durch profilierte und am spezifischen Weiterbildungsbedarf der Wirtschaft orientierte Masterstudiengänge ergänzen.

Irrtum: Eine Reduzierung der Zahl der Studiengänge schafft mehr Übersichtlichkeit und Transparenz für Studieninteressierte und Arbeitgeber.
  • Transparenz erreicht man weder durch eine Reduzierung der Quantitäten noch durch eine Reduzierung der Vielfalt, sondern indem man die Vielfalt verständlich macht.
  • Hierzu zählt auch das Wissen um die Methode, wie Studiengänge erfasst werden: Ein Studiengang wird als Studienprogramm einer bestimmten Fachrichtung an einer bestimmten Hochschule definiert. Bieten zwei Hochschulen einen inhaltlich identischen Studiengang an, so wird dies als zwei Studiengänge gezählt.
  • Neben dem HRK-Hochschulkompass, in dem alle Studiengänge mit ihren Spezifika erfasst sind, gibt es eine große Zahl weiterer Informationsangebote durch die Hochschulen selbst, die Bundesagentur für Arbeit, den Deutschen Akademischen Austauschdienst (für internationale Studieninteressierte) oder Beratungsportale privater Anbieter. Dies flankieren sollte eine fundierte Studien- und Berufsorientierung in den Schulen – insbesondere in jenen, die zur Studienberechtigung führen.
  • Das Diploma Supplement (Zusatzurkunde zum Abschlusszeugnis) enthält Informationen zum Studiengang, zu seiner Einordnung in das Studiensystem sowie zu den erreichten Lernergebnissen der Absolventin bzw. des Absolventen. Es ist damit ein wichtiges Transparenzinstrument auch für die Arbeitgeber, auf dessen Ausfertigung die Absolventinnen und Absolventen einen Rechtsanspruch haben, dessen Verbreitung und Qualität aber noch gesteigert werden muss.
  • Darüber hinaus gäbe auch keine hochschulrechtlichen Instrumente zur Reduzierung der Zahl der Studiengänge.

Irrtum: Hochschulen sind völlig frei beim „Erfinden“ neuer Studiengänge.
  • Bei der Gestaltung der Studiengänge sind die Hochschulen an die ländergemeinsamen und landesspezifischen Strukturvorgaben sowie an den Qualifikationsrahmen für Hochschulabschlüsse gebunden. Demnach sollen Bachelorprogramme „ein breites und integriertes Wissen und Verstehen der wissenschaftlichen Grundlagen ihres Lerngebietes“ vermitteln. Politik wie auch Arbeitgeber haben stets betont, dass die Ausbildung in der Bachelorphase fachlich breit sein und entsprechend auch auf ein breites Berufsfeld vorbereiten sollte.
  • Für die Einrichtung neuer Studiengänge in einer Hochschule müssen immer auch finanzielle Mittel bereitgestellt werden. Diese sind begrenzt, Aushandlungsprozesse innerhalb der Hochschule können daher schwierig sein. Über längere Zeit nicht ausgelastete Studiengänge sind wiederum von der Schließung bedroht.
  • In staatlichen Hochschulen ist die Einrichtung neuer Studiengänge i.d.R. vom akademischen Senat und Hochschulrat zu beschließen. Damit ist die Mitwirkung aller Statusgruppen innerhalb der Hochschule gegeben.
  • Unabhängig hiervon spielen bei manchen Hochschulen auch legitime Marketingüberlegungen bei der Benennung von Studiengängen eine Rolle.

Zahl der Studierenden in grundständigen Studiengängen

Quelle: destatatis, HRK-Hochschulkompass, eigene Recherche, 2017

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November 2018