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Mittelschicht

Deutschland zeichnet sich durch eine breite und stabile Mittelschicht aus. Die Einkommen in Deutschland sind nach wie vor gleicher verteilt als im Durchschnitt der OECD-Staaten. Auch ist die Einkommensschichtung, d. h. die Zugehörigkeit von Bevölkerungsgruppen zu den einzelnen Einkommensklassen, in den vergangenen Jahren nahezu unverändert geblieben. Konstant zählen etwa 50 % der Bevölkerung zur Mitte im engeren Sinne und insgesamt etwa 80 % zur Mittelschicht (Niehues, 2017; siehe Grafik). Auch die Bundesregierung bestätigt die Stabilität der Mittelschicht in ihrem Fünften Armuts- und Reichtumsbericht. Die Mittelschicht bildet damit nach wie vor das Rückgrat unserer Gesellschaft. Allerdings wird sie in Deutschland erheblich und im internationalen Vergleich überdurchschnittlich mit Steuern und Abgaben belastet. Eine spürbare Abmilderung dieser Belastung ist unverzichtbar, um eine leistungsstarke gesellschaftliche Mitte zu erhalten. Zudem sind politische Entscheidungen zugunsten von Beschäftigung und Teilhabechancen zur nachhaltigen Stärkung der Mittelschicht vordringlich.

Niedrigere Sozialbeiträge stärken Leistungsgerechtigkeit

In Deutschland liegt der Abgabenkeil zwischen Arbeitskosten und Nettolöhnen deutlich über dem Durchschnitt der OECD-Länder. Dies belastet insbesondere die Mittelschicht: Während die Abgabenbelastung bei einem ledigen Durchschnittsverdiener im OECD-Durchschnitt 2017 35,9 % der Arbeitskosten betrug, erreichte sie in Deutschland 49,7 % (OECD, 2018). Dafür sind vor allem die hohen lohnbezogenen Sozialbeiträge verantwortlich: Durchschnittlich rd. zwei Drittel des Abgabenkeils zwischen Arbeitskosten und Nettolöhnen geht an die Sozialversicherung. Entlastungen bei den Sozialbeiträgen sind daher vordringlich, weil sie bedeuten: Mehr Netto für die Beschäftigten und damit mehr Möglichkeiten für Konsum, Kapitalanlage und ergänzende Vorsorge für das Alter. Hierfür sind grundlegende Strukturreformen in den Systemen der sozialen Sicherung unverzichtbar. Dazu zählt u. a. eine stärkere Ablösung der Finanzierung der Sozialversicherung vom Arbeitsverhältnis.

„Kalte Progression“ belastet Mittelschicht besonders

Steigende Löhne und Gehälter haben für viele Arbeitnehmer einen unerwünschten Nebeneffekt: Sie rutschen im Einkommensteuertarif in eine höhere Besteuerung. Auf diese Weise steigt selbst bei Lohnerhöhungen im Rahmen der Preissteigerungsrate die steuerliche Belastung. Diese „kalte Progression“ im deutschen Einkommensteuertarif ist nicht leistungsgerecht. Berechnungen des IW Köln (2014) beziffern die zusätzliche Belastung durch die kalte Progression von 2015 bis 2018 bei einer angenommenen jährlichen Inflation von 1 % auf über 15 Mrd. €. Die Belastung trifft vor allem die Mittelschicht, da der Einkommensteuersatz im unteren und mittleren Bereich besonders steil ansteigt. So werden Bezieher niedriger und mittlerer Einkommen durch die kalte Progression prozentual höher belastet als Steuerpflichtige mit hohen Einkommen. Daher ist es unverzichtbar, in regelmäßigen Abständen nicht nur den steuerlichen Grundfreibetrag anzuheben, sondern den gesamten Einkommensteuertarif an die Inflationsrate anzupassen. Die kalte Progression kann so wirksam beseitigt und eine Mehrbelastung der Mittelschicht vermieden werden.

Soziale Mobilität durch Bildung stärken

Sozialer Aufstieg in die Mittelschicht hängt in besonderem Maße von Bildung und Erwerbsbeteiligung ab. Es sollte daher alles unternommen werden, um Chancengerechtigkeit auch für Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern herzustellen. Diese beginnt mit einem leistungsfähigen öffentlichen Bildungssystem, welches bei frühkindlicher Bildung ansetzt, die Anzahl der Schulabgänger ohne Bildungsabschluss deutlich verringert und ein stärkeres Zusammenwirken von Schulen und Unternehmen bei der Berufsorientierung und Sicherung der Ausbildungsreife unterstützt. So werden belastbare Grundlagen geschaffen, die einen Berufseinstieg über eine betriebliche Ausbildung oder ein Studium erleichtern. Die soziale Mobilität wird auch durch berufliche Weiterbildung und lebenslanges Lernen verbessert. Beides erfordert jedoch auch eigenverantwortliches Handeln. Unternehmen investieren bereits jährlich fast 60 Mrd. € in Bildungs- und Weiterqualifikationsmaßnahmen.

Beschäftigung sichert Teilhabe an der Gesellschaft

Arbeit verringert das Armutsrisiko, ermöglicht Selbstbestimmung und sichert Teilhabe an der Gesellschaft. Heute liegt die Erwerbstätigkeit in Deutschland auf Rekordniveau. Nachdem die Sockelarbeitslosigkeit jahrzehntelang gestiegen war, sinkt sie seit 2005 vor allem dank der richtigen Reformen am Arbeitsmarkt im Zuge der „Agenda 2010“ kontinuierlich. Vielen Menschen ist hierdurch der (Wieder-)Einstieg und Aufstieg in Arbeit geglückt, oft auch über einfache Tätigkeiten. Die Arbeitsmarktreformen haben somit die Teilhabechancen gerade für Langzeitarbeitslose erhöht. Die Erfolge auf dem Arbeitsmarkt und die gute Beschäftigungslage tragen entscheidend dazu bei, dass die Mittelschicht in den vergangenen Jahren stabil geblieben ist. Um diese positive Entwicklung zu unterstützen, dürfen keine neuen Beschäftigungshürden – wie z. B. Beschränkungen flexibler Beschäftigung – errichtet werden. Vielmehr sind bestehende Beschäftigungshemmnisse abzubauen, um noch mehr Menschen wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dies festigt die Mittelschicht, den Zusammenhalt der Gesellschaft und sichert soziale Teilhabe.

Die Mittelschicht ist stabil

Behauptungen über eine vermeintliche Erosion der Mittelschicht entsprechen nicht der Wirklichkeit. Die verfügbaren Zahlen zeigen, dass knapp 50 % der Bevölkerung zur Mittelschicht im engeren Sinne gehören, die zwischen 80 und 150 % des mittleren Einkommens (Median) verfügt. Die genaue Abgrenzung der Einkommensgruppen ist dabei definitionsabhängig. Dieser Wert ist in den vergangenen Jahren konstant geblieben. Für diese positive Entwicklung haben nicht zuletzt die solide wirtschaftliche Entwicklung und die gute Beschäftigungslage gesorgt. Dies hat auch die Sorgen der Mittelschicht deutlich verringert: 2014 machten sich nur 12,5 % der Mittelschicht im engeren Sinne Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation – der geringste Wert seit der Wiedervereinigung (IW Köln, 2016).

Einkommensverteilung: Kein Verschwinden der Mitte

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Dezember 2018