12.06.2019

Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen international verbessern!

Deutschland braucht Gestaltungschancen und Entfaltungsmöglichkeiten statt neue Barrieren. 
Kommentar der Woche (BDA AGENDA)
Von Holger Bingmann, Präsident Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen
 

Was für ein Jahresauftakt! Wachstumsprognosen runter, Brexit auf Oktober verschoben, wenig hilfreiche Androhungen immer neuer Strafzölle. Auch wenn deutsche Produkte nach wie vor durch ihre Qualität und Wettbewerbsfähigkeit bestechen und die Weltwirtschaft aller Voraussicht nach weiter wachsen wird – die aktuellen wirtschaftlichen und politischen Ereignisse um uns herum hinterlassen ihre Spuren. Technologische und politische Umbrüche stellen vieles auf den Kopf, was unantastbar schien.

Obwohl die Beschäftigung noch immer auf neue Höchststände steigt und die Staats- und Sozialkassen voll sind, darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir vor großen Herausforderungen stehen: Digitalisierung, Fachkräftemangel, Demografie und Zuwanderung sind nur einige Schlagworte.

Keinesfalls dürfen wir Europa zu einer Trutzburg ausbauen. Es ist ein Irrglaube zu meinen, dass wir Arbeitsplätze und Wohlstand schaffen, wenn wir uns national oder europäisch abschotten – das gilt in Richtung der Populisten allerorten genauso wie mit Blick auf industriepolitische Vorstellungen in Brüssel und neuerdings auch in Berlin. Die wettbewerbsfeindlichen Töne, die wir vernehmen, würden Europa schwächen und nicht etwa stärken.

Vielmehr sollten wir alles unternehmen, um die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen international zu verbessern. Hierzu zählen deutlich stärkere Investitionen in die eigene digitale Infrastruktur wie die Verkehrsinfrastruktur, die Grundlagenforschung, aber auch in die Aus- und Weiterbildung sowie verbesserte Finanzierungsmöglichkeiten für Start-Ups, damit die Ideen, die ja in Deutschland und Europa existieren, wachsen, Marktreife erreichen und in einem funktionierenden europäischen Binnenmarkt skaliert werden können. Die Reform des Unternehmenssteuerrechts wird seit Jahren nicht angegangen, obwohl sie dringend notwendig ist, um ausreichend Anreize für Investitionen in Deutschland, gerade auch in Innovation und Forschung, sicherzustellen. Auch die Arbeitswelt wandelt sich: Projektorientiertes Arbeiten führt zu projektbezogenem Personalbedarf. Flexible Beschäftigungsformen und Arbeitszeiten sind ein wichtiger Baustein zur Bewältigung des Strukturwandels.

Überhaupt wird der Mittelstand die Chancen der Digitalisierung nur mit einer innovationsoffenen Regulierung erfolgreich nutzen können. Die Unternehmen brauchen für die Gestaltung ihrer Zukunft mehr Flexibilität. Das Korsett der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die die Politik setzt, muss wieder lockerer geschnürt werden. Wir brauchen Gestaltungschancen und Entfaltungsmöglichkeiten statt neue Barrieren. Nicht umsonst klagt gerade der Mittelstand über die überbordende Bürokratie, eine hohe Steuerlast und zu starre Arbeitszeitregelungen. Auch im Bildungsbereich, bei der Finanzierung und bei datenschutzrechtlichen Regelungen muss die Politik den digitalen Veränderungen in einer mittelstandsgerechten Form Rechnung tragen