Entgeltgleichheit / Equal Pay

Diskussion über Entgeltdiskriminierung übersieht Ursachen für gesamtwirtschaftliche Entgeltunterschiede

Frauen und Männer zeigen noch immer ein sehr unterschiedliches Berufswahl- und Erwerbsverhalten, was sich auf Karriere und Einkommen auswirkt. Deshalb ist das Durchschnittsgehalt aller Frauen in Deutschland 21 Prozent geringer als das aller Männer (Stat. Bundesamt, 2018). Aufgrund dieser Zahl wird der Mythos genährt, Frauen würden aufgrund ihres Geschlechts geringer bezahlt. Dieser Diskriminierungsvorwurf ist falsch. Stattdessen sind viele strukturelle Ursachen für die Einkommenssituation von Frauen verantwortlich.

Berufswahl- und Erwerbsverhalten von Frauen und Männern unterscheidet sich immer noch

  • Bei der Ermittlung der gesamtwirtschaftlichen Entgeltunterschiede wird das durchschnittliche Gehalt aller Arbeitnehmerinnen mit dem aller Arbeitnehmer verglichen, also beispielsweise eine Berufseinsteigerin im Einzelhandel in Mecklenburg-Vorpommern mit einem Geschäftsführer in der Metall- und Elektroindustrie in Bayern. Qualifikation, Berufserfahrung, Tätigkeit, Branche, Arbeitszeit usw. werden nicht berücksichtigt. Die veröffentlichten gesamtwirtschaftlichen Entgeltunterschiede beruhen daher nicht auf einem Vergleich von Entgelten von Männern und Frauen im selben Betrieb, mit vergleichbarer Qualifikation und bei derselben Tätigkeit.
  • Das Erwerbsverhalten von Frauen und Männern unterscheidet sich nach wie vor erheblich. Frauen und Männer sind z. B. in den einzelnen Branchen und Berufen sowie auf den Hierarchiestufen sehr unterschiedlich vertreten. Deutliche Unterschiede gibt es auch bei der individuellen Berufserfahrung. Diese Faktoren erklären auch, warum z. B. nicht alle Beschäftigten der gleichen Berufsgruppe das gleiche Gehalt erhalten. Ein Krankenpfleger auf einer Intensivstation mit fünfzehn Jahren Berufserfahrung verdient z. B. deutlich mehr als eine Krankenschwester auf einer normalen Krankenhausstation und mit nur drei Jahren Berufserfahrung.
  • Nach Abzug der vom Statistischen Bundesamt berücksichtigten Ursachen für Entgeltunterschiede, wie Arbeitszeit, Bildungsstand oder Dauer der Betriebszugehörigkeit, bleibt ein Entgeltunterschied von 6 Prozent (Stat. Bundesamt, 2018).
  • Das IW Köln bezieht zusätzlich familienbedingte Auszeiten und Erwerbsunterbrechungen von max. 18 Monaten ein, wodurch sich der Entgeltunterschied sogar auf rund 2 Prozent reduziert (IW Köln, 2013). Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) hat ebenfalls eine bereinigte Entgeltlücke von rund 2 Prozent. errechnet (HWWI, 2015 siehe Grafik). Erwerbserfahrung und -umfang, berufliche Stellung und Branche sind laut HWWI die bedeutendsten Erklärungsfaktoren.


Eine klischeefreie Studien- und Berufsberatung ist nötig
  • Frauen sind überdurchschnittlich oft in Branchen und Berufen mit niedrigem Vergütungsniveau bzw. geringeren Qualifikationserfordernissen tätig. Hierzu zählen vor allem Tätigkeiten im Bereich einfacher Dienstleistungen.
  • Eine breitere Nutzung des Berufs- und Studienwahlspektrums würde gesamtwirtschaftliche Entgeltunterschiede verringern: Von den weiblichen Auszubildenden fokussieren sich bei ihrer Berufsausbildung heute immer noch 37 Prozent auf die fünf Berufe Bürokauffrau, Medizinische sowie Zahnmedizinische Fachangestellte, Verkäuferin und Kauffrau im Einzelhandel, aus dem breiten Spektrum der fast 330 Ausbildungsberufe (Bundesinstitut für Berufsbildung, 2018). Auch die Studienfachwahl ist noch geschlechtsspezifisch geprägt. In den besonders zukunftsträchtigen und später oft mit höher dotierten Jobs verbundenen Fächern wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (sog. MINT-Fächer) sind Frauen deutlich seltener vertreten: Im Jahr 2016 schlossen rund 29 Prozent aller Studentinnen ihr Studium in diesen Fächern ab, insgesamt haben 34 Prozent aller Hochschulabsolventen einen Abschluss in MINT (IW Köln,2018).
  • Eine bessere Studien- und Berufsberatung, die auch über Verdienstchancen aufklärt und mehr Frauen für MINT-Berufe begeistert, ist dringend notwendig. Die Initiative klischee-frei.de mit der gleichnamigen Website ist ein erster Schritt zu einer Studien- und Berufsberatung, die frei von Rollenklischees ist.

Eine funktionierende Kinderbetreuungsinfrastruktur verringert die Entgeltlücke

In Ostdeutschland werden über 51 Prozent der Kinder unter drei Jahren in einer Tageseinrichtung oder Tagespflege betreut, in Westdeutschland lediglich rund 29 Prozent (Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2018). Dies trägt dazu bei, dass erwerbstätige Frauen in den neuen Ländern mit mehr als 59 Prozent häufiger in Vollzeit arbeiten als Frauen in Westdeutschland mit50 Prozent (Stat. Bundesamt, 2018). Der gesamtwirtschaftliche Entgeltunterschied liegt im Osten deshalb bei lediglich 7 Prozent, während er im Westen 22 Prozent beträgt (Stat. Bundesamt, 2018).
  • Die gute Betreuungssituation erleichtert Frauen eine umfangreiche Erwerbstätigkeit und damit den beruflichen Aufstieg: In Ostdeutschland ist der Frauenanteil in den Führungspositionen sowohl auf der ersten Führungsebene mit über 30 Prozent als auch auf der zweiten mit 47Prozent höher als in Westdeutschland mit 25 Prozent bzw. 39 Prozent (IAB, 2017).
  • Die Arbeitgeber setzen sich seit Langem dafür ein, die Rahmenbedingungen für mehr Vollzeit- bzw. vollzeitnahe Beschäftigung zu verbessern. Dafür sind flankierend insbesondere der weitere Ausbau von hochwertigen, bedarfsgerechten und bezahlbaren Ganztagskindertagesstätten und Ganztagsschulen sowie die vollständige steuerliche Berücksichtigung von Kinderbetreuungskosten erforderlich.

Teilzeitarbeit und Erwerbsunterbrechungen bremsen Karrieren
  • Wer weniger arbeitet, erwirbt weniger berufliche Erfahrung und Kenntnisse und hat damit schlechtere berufliche Karriere- und Verdienstchancen. Reduzierte Arbeitszeiten und häufigere Erwerbsunterbrechungen sind daher ein wesentlicher Grund dafür, dass Frauen weniger weit aufsteigen und entsprechend weniger verdienen. 46 Prozent aller erwerbstätigen Frauen in Deutschland arbeiten in Teilzeit (Eurostat, 2018 ), bei den Müttern sind es rund 69 Prozent (Stat. Bundesamt,2018 ). Mehr als die Hälfte des gesamtwirtschaftlichen Entgeltunterschieds von Männern und Frauen ist daher durch die Arbeitszeitfaktoren begründet (IW Köln, 2013).
  • Fehlanreize im Sozial- und Steuerrecht, z. B. das Ehegattensplitting mit Steuerklasse V oder die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern in der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung, lassen eine (umfangreichere) Erwerbstätigkeit von Frauen als nicht lohnenswert erscheinen. Es liegt in staatlicher Verantwortung, hier Fehlanreize abzubauen und somit Chancengleichheit sowie eine partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit zu fördern.


Gleiche Arbeit beim gleichen Arbeitgeber wird gleich bezahlt
  • Wenn Frauen beim gleichen Arbeitgeber die gleiche Arbeit leisten wie ein Mann, dann werden sie auch gleich entlohnt. Das ist nicht nur betriebliche Praxis, sondern wird darüber hinaus auch nach Recht und Gesetz verlangt.
  • Tarifvertraglich geregelte Eingruppierungsverfahren gewährleisten die gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit.
  • Eine branchenübergreifende Bewertung von Tätigkeiten als gleichwertig ist in keinem Fall möglich. Gesetzliche Reglementierungen zur Arbeitsbewertung würden betriebs- und branchenspezifischen Besonderheiten nicht gerecht und wären ein Eingriff in die Tarifautonomie.
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