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Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss

Die deutsche Exportstärke steht bisweilen in der internationalen Kritik. Es wird behauptet, sie trage zu den wirtschaftlichen Ungleichgewichten in der Weltwirtschaft und der EU bei. Die Europäische Kommission hat allerdings in ihrem Länderbericht 2016 festgestellt, dass der deutsche Leistungsbilanzüberschuss von zuletzt 8,8% des Bruttoinlandsprodukts kein übermäßiges Ungleichgewicht darstellt und neben der Alterung der Gesellschaft vor allem auf den verstärkten Warenhandel zurückzuführen ist. Folglich ist die deutsche Wettbewerbs- und Exportstärke für den Rest Europas auch von Nutzen. Gleichwohl sieht die Kommission im Länderbericht für Deutschland haushaltspolitischen Spielraum für eine Erhöhung der öffentlichen Investitionen, z. B. im Bereich der Energieinfrastruktur und empfiehlt Verbesserungen bei der Unternehmensbesteuerung, die Liberalisierung des Dienstleistungssektors sowie eine Neuordnung der Finanzbeziehungen zwischen Bund, Ländern und Kommunen.

Wirtschaftskrisen vorbeugen durch das Europäische Semester

Die Überprüfung der Leistungsbilanzen ist Teil des Verfahrens zur Vermeidung und Korrektur makroökonomischer Ungleichgewichte. Dadurch soll im Rahmen des sog. Europäischen Semesters eine verstärkte wirtschaftspolitische Koordinierung auf EU-Ebene gewährleistet werden. Anhand von 14 Indikatoren überprüft die Kommission die wirtschaftlichen Entwicklungen in der EU, damit strukturelle Probleme und mangelnde Wettbewerbsfähigkeit einzelner Mitgliedstaaten frühzeitig identifiziert und korrigiert werden können. Dadurch leistet das Verfahren einen Beitrag, wirtschaftliche Krisen zu verhindern.

Überschuss durch leistungsfähige Industrie

Es gibt gute Gründe, warum Deutschland einen Leistungsbilanzüberschuss aufweist. Volkswirtschaften mit einem relativ hohen Industrieanteil – so wie Deutschland – verzeichnen in einem stärkeren Ausmaß Leistungsbilanzüberschüsse als andere Länder (IW Köln, 2013). Der Grund dafür ist vor allem der zunehmende Welthandel und der Aufholprozess der Schwellen- und Entwicklungsländer, der mit einem Investitionsboom einhergeht. Dadurch bieten sich besonders für Länder wie Deutschland, in denen die Produktion von Investitionsgütern eine große Rolle spielt, gute Absatzmöglichkeiten. Werden diese genutzt, entstehen Leistungsbilanzüberschüsse.

Überschuss durch starke Nachfrage nach „Made in Germany“

Die deutsche Wirtschaft ist u. a. auf Fahrzeug-, Maschinen- und Anlagenbau spezialisiert – Produktsegmente, die weltweit stark nachgefragt werden. Dies gilt selbst bei den im internationalen Vergleich hohen Arbeitskosten im verarbeitenden Gewerbe: Deutschland nimmt hier mit 38 € pro Stunde (Destatis, 2015) unverändert einen Spitzenplatz ein. Darüber hinaus überzeugen deutsche Produkte vor allem durch ihre hohe Qualität, weshalb sie auch bei höheren Preisen oder steigendem Euro-Kurs Abnehmer finden.

EU-Partner profitieren von Deutschlands Exportstärke

Deutschland ist laut Länderbericht der EU-Kommission aus dem Jahr 2016 der weltweit größte Importeur von Produkten aus dem Euroraum. In vielen deutschen Exportprodukten sind Vorprodukte aus dem Ausland enthalten. Insgesamt beträgt der Importanteil der Exporte 40,7 % (Destatis, 2012). Die Herkunftsländer profitieren so von den deutschen Exporterfolgen. 3,5 Mio. Arbeitsplätze in den anderen EU- Staaten hängen unmittelbar an der Vorleistungsnachfrage aus Deutschland (Prognos, 2014). Steigen die deutschen Exporte um 10 %, nehmen die zugehörigen Ausfuhren der EU-Partner nach Deutschland um rd. 9 % zu (IW Köln, 2013).. Zugleich haben sich die Absatzmärkte für Deutschlands Exporte in jüngster Zeit verlagert – weg von der Eurozone, hin zu den Volkswirtschaften Asiens und den USA. Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss innerhalb der Eurozone hat sich daher seit 2007 halbiert: Von 4,2 % auf rd. 2 % des BIP im Jahr 2015 (Bundesbank, 2016, eigene Berechnungen). Auch die Zunahme der Exporte aus der Eurozone nach Deutschland in diesem Zeitraum spielt dabei eine Rolle. Der Leistungsbilanzüberschuss (in % des BIP) ist mit den USA im gleichen Zeitraum dagegen um rd. 53 % gestiegen.

Bedingungen für Investitionen verbessern

Ein Leistungsbilanzüberschuss bedeutet auch, dass in einem Land mehr gespart als investiert wird. Zugleich wird Kapital im Ausland investiert. Seit 2004 liegt die deutsche Sparquote über der inländischen Investitionsquote (im Jahr 2013: 24,5 % zu 19,4 %, Destatis). Verstärkte Auslandsinvestitionen können sinnvoll sein, wenn die Investitionen im Ausland eine höhere Rendite bringen. Dadurch lässt sich z. B. der demografische Alterungsprozess in Deutschland besser bewältigen. Zugleich bedeutet dies jedoch, dass das ins Ausland fließende Kapital für inländische Investitionen nicht zur Verfügung steht. Darunter leidet die Wirtschaftskraft. Um diese Wohlstandsverluste zu vermeiden, sollte der Staat öffentliche Investitionen, z. B. in Infrastruktur und Bildung, erhöhen und die Bedingungen für Investitionen von Unternehmen verbessern, z. B. durch eine verlässliche Energieversorgung und bezahlbare Energiepreise. Dagegen hat sich die Konsumnachfrage in den letzten Jahren u. a. aufgrund des robusten Arbeitsmarkts und produktivitätsorientierter Lohnabschlüsse bereits zum Wachstumstreiber entwickelt. Forderungen nach höheren Lohnsteigerungen oder staatlichen Ausgabenprogrammen sind dagegen kontraproduktiv. Solche Maßnahmen würden der Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft sowie dem Arbeitsmarkt schaden.

Strukturreformen verbessern Wettbewerbs- und Exportfähigkeit

Zwischen 2007 und 2015 hat sich der Leistungsbilanzüberschuss von Deutschland gegenüber den Ländern der Eurozone von 4,2 % auf rd. 2,0 % des BIP halbiert. Besonders stark ist der Überschuss gegenüber Spanien (um rd. 83 %), Griechenland (um rd. 85 %), Italien (um rd. 45 %) und Portugal (um rd. 54 %) geschrumpft. Aufgrund der umgesetzten Strukturreformen konnten die Länder ihre Wettbewerbs- und Exportfähigkeit größtenteils verbessern und ihre Leistungsbilanzdefizite senken.
Quelle: Bundesbank 2016 und eigene Berechnungen.

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