Die Deutsche JuniorAkademie fördert Hochbegabte

Nanotechnologie als Ferienvergnügen

Hochbegabte junge Menschen stoßen in der Schule oft auf Schwierigkeiten: Ihren besonderen Fähigkeiten kann der normale Unterricht kaum gerecht werden. Die Deutschen JuniorAkademien bieten diesen Schülerinnen und Schülern mit speziellen Ferienkursen eine Herausforderung, die über die Möglichkeiten der Schule hinausgeht. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall fördert diese Veranstaltungen.

Ostbevern. Mitte August in Nordrhein-Westfalen. Es sind Sommerferien. Wenn nicht gerade Renovierungsarbeiten stattfinden, liegen die Schulen des Landes in einer eher schläfrigen Ruhe. Beim Schloss Loburg in Ostbevern ist das anders. Im Collegium Johanneum, einem Gymnasium mit angeschlossenem Internat, ist eine Menge los: Im idyllischen Schlosshof sitzen debattierende Schülergruppen, aus der Aula dringt Musik – es klingt nach Proben. Und auch in einigen Klassenräumen herrscht reges Treiben. Für zehn Tage sind 54 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen acht und neun ins nördliche Münsterland gekommen. Sie wollen hier auf hohem Niveau Dinge lernen, die im normalen Schulalltag nicht vorkommen. Auf dem Programm steht die Nanotechnologie.

Und das alles während der Ferien? Den 15-jährigen Dennis Pötter aus Dortmund stört das nicht: „Es ist auf jeden Fall mal ein ganz anderes Erlebnis als Schule. Der Unterricht findet in Englisch statt, wir können viel selbstständiger arbeiten. Außerdem ist es eine neue Erfahrung, neue Menschen kennen zu lernen und mit ihnen zusammen hier zu wohnen.“ Auch die gleichaltrige Romina Nolting aus dem Kreis Lippe vermisst nichts. Im Gegenteil: „Es ist ja nicht so, als wenn wir hier den ganzen Tag nur lernen. Wir machen ja auch viele andere Dinge wie Musik und Sport – eigentlich alles, was man braucht. Zudem sind hier viele nette Menschen. Also kann ich sagen: Trotz Ferien ist es total super hier.“



Was Dennis als „ganz anderes Erlebnis“ und Romina als „total super“ empfinden, ist eine Veranstaltung der Deutschen JuniorAkademie. Das ist ein außerschulisches Programm zur Förderung besonders leistungsfähiger, interessierter und motivierter Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I. Organisiert wird es auf Länderebene, in Nordrhein-Westfalen vom Ministerium für Schule und Weiterbildung. Unterstützt wird das Ministerium dabei auch vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall, der die JuniorAkademie NRW im Rahmen seiner Initiative THINK ING. von Beginn an, seit 2006, fördert.

Michael Funke, Landesbeauftragter für die JuniorAkademie des Landes Nordrhein-Westfalen, erklärt: „Wir wollen mit den JuniorAkademien Schüler fördern, die in den Schulen nicht ausreichend gefordert sind. Hier in der Akademie arbeiten sie an anspruchsvollen Themen und erlernen auch Lerntechniken, die sie in der Schule so nie mitbekommen würden.“ Dabei ist der Rahmen schon an die Schule angelehnt. So gibt es zumindest eine Art Stundenplan. „Allerdings ist der nicht so“, sagt Nadja Drößler, Lehrerin für Englisch und Chemie und Leiterin der Akademie in Ostbevern, „dass jeder seine 45 Minuten im Klassenzimmer verbringt. Vielmehr wird sehr offen gearbeitet und es gibt viele Projekte.“ Und der Tag auf Schloss Loburg ist lang: Morgens um 6.30 Uhr geht es los, abends um 11 Uhr wird das Licht ausgemacht. Dazwischen liegt ein dichtes Programm von Kursen, Projekten, Musik-, Sport- und Sprachangeboten –für jeden ist etwas dabei.

Alle teilnehmenden Schülerinnen und Schüler haben Spitzennoten und werden von ihren Gymnasien und Gesamtschulen aus ganz NRW empfohlen. Nach diesen Empfehlungen wählen die Verantwortlichen der JuniorAkademie die Teilnehmer aus – aber nicht nur aufgrund der schulischen Leistungen, sondern auch nach darüber hinausgehendem Engagement. Einige Teilnehmer sind erfolgreich bei Wettbewerben, andere sozial stark engagiert. Viele der Schülerinnen und Schüler machen zudem die Erfahrung, dass sie nur selten auf Gleichaltrige treffen, die ähnliche Interessen und Fähigkeiten haben. Anders als beispielsweise für Leistungssportler oder musikalische Talente, gäbe es für intellektuell besonders befähigte Jugendliche kaum Angebote außerhalb der Schule, bemängelt Funke.

Die Erfahrung im schulischen Alltag hat gezeigt, dass es ein echtes Problem für besonders begabte Jugendliche ist, wenn sie ständig unterfordert werden. Die damit verbundene Demotivation führt unter Umständen dazu, dass sie wichtige Lern- und Arbeitstechniken nicht lernen. Deshalb könnten sie trotz der intellektuellen Hochbegabung nicht die Leistungen erbringen, zu der sie eigentlich fähig wären. Nach Ansicht der Veranstalter könne sich unsere Gesellschaft nicht leisten, dieses Potenzial zu verlieren. Und der Bedarf nach Förderung ist groß. So wurde die JuniorAkademie NRW zum ersten Mal 2006 in Königswinter durchgeführt. Seitdem steigt die Nachfrage kontinuierlich an. Mittlerweile werden drei JuniorAkademien an verschiedenen Standorten mit unterschiedlichen Schwerpunktthemen zeitgleich angeboten. Die Zahl der nachweislich hochbegabten Bewerber lag in diesem Jahr bei rund 450.



Einer von ihnen ist der 13-jährige Peter Stratmann aus Münster. Er schätzt an der JuniorAkademie vor allem, „dass man sich selbst die Dinge erarbeitet, und nicht dass vorne immer ein Lehrer steht, der alles vorgibt und man dann nur stumpf abschreiben oder Aufgaben lösen kann“. Und überhaupt findet Peter das Thema Nanotechnologie, das speziell für Ostbevern ausgesucht wurde, höchst spannend. Dass er mit seinem Kursleiter Peter Henley-Smith von der Nottingham University nur Englisch reden kann, stört ihn nicht im Geringsten. Sein Thema ist die Hydrophobie und seine Arbeitsmittel sind Pflanzenblätter und Wasser. Und da kennt der junge Mann sich aus: „Das Kohlblatt ist hydrophobisch“, setzt er zur Erklärung an. „Hydro ist griechisch und heißt Wasser; und Phobie ist sich vor etwas fürchten und heißt, dass es eben wasserabstoßend ist. Es gibt eigentlich zwei Hydrophobiearten: einmal hydrophobisch und einmal superhydrophobisch, wobei das Kohlblatt hydrophobisch ist, aber zum Beispiel ein Lotusblatt superhydrophobisch, also da klappt es noch besser.“ Sprach es, und demonstriert dem Besucher an verschiedenen Blättern und Stoffen, wie Hydrophobie aussieht.

Hendrik Pötting aus Münster ist in Ostbevern ebenfalls in kürzester Zeit zu einem Fan der Nanotechnologie geworden. Ihn fasziniert, „dass alle Stoffe, mit denen man hier arbeitet, komplett andere Eigenschaften haben.“ Beispielsweise sei Gold in der Nanotechnologie rot. „Das ist alles vollkommen anders als in dieser normalen Makrowelt, in der wir leben“, sagt der 15-Jährige voller Begeisterung. Der Nanotechnologiekurs wurde von den Veranstaltern übrigens extra für die JuniorAkademie entwickelt. Gerade für diese Schülergruppe sei das Thema besonders reizvoll, meint der Landesbeauftragte Funke, weil es den besonderen Denkstrukturen der Hochbegabten in spezieller Weise entgegenkomme.“

Die Reaktionen auf die JuniorAkademien der letzten Jahre waren jedenfalls durchweg positiv. „Wir bekommen jedes Jahr viele Rückmeldung von Eltern, die ihre Kinder manchmal gar nicht wiedererkennen“, sagt Funke. Ähnliche Rückmeldungen kämen auch aus den Schulen. Aber auch die teilnehmenden Lehrer profitieren. „Man denkt danach, dass es schon der richtige Beruf ist, den man ausübt“, sagt Nadja Drösler. „Ich versuche dann schon die Schüler im normalen Schulalltag wieder stärker zu begeistern und den einen oder anderen stärker zu motivieren und ihnen zu sagen: Leute, es gibt noch mehr da draußen als nur den Schulstoff.“
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