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Dokumentation

Forum „Bildung schafft Perspektiven – Teilhabechancen von Anfang an“

Den Auftakt zu unserem Thementag „Bildung ist Zukunft“ bildete das Diskussionsforum „Bildung schafft Perspektiven – Teilhabechancen von Anfang an“. Pfarrer Hartmut Hühnerbein, Geschäftsführender Vorstand Christliches Jugenddorfwerk Deutschlands e.V., Stefan Küpper, Geschäftsführer Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft e.V. und Bettina Wacker, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit Stiftung der Deutschen Wirtschaft stellten ihre Projekte vor. Dr. Donate Kluxen-Pyta, Stellvertretende Abteilungsleiterin Bildung | Berufliche Bildung BDA moderierte das Forum.

„Teilhabe von Anfang an ist das, was heute zählt“, beginnt Stefan Küpper die Diskussionsrunde und berichtet über das Engagement des Baden-Württembergischen Bildungswerks der Wirtschaft. „Wir unterstützen die Forscherentwicklung schon im Kindergarten mit Technolino, die Fortbildung der Erzieherinnen und Erzieher und machen uns dafür stark, dass es in allen Fachschulen für Sozialpädagogik ein Wahlpflichtfach Naturwissenschaften/Technik für Erzieherinnen gibt.“ Seiner Meinung sind die Erzieherinnen der Schlüssel, um Bildung schon in den Kindergarten hineinzutragen. Die natürliche Neugier der Kinder in diesem Alter erleichtere es außerdem, Interesse für Technik zu wecken.

Auch für Bettina Wacker ist Bildung die zentrale Ressource, um an der Gesellschaft teilzuhaben. Doch nicht alle haben ausreichend Zugang zu Bildung. Deswegen will das Projekt „Unternehmen Jugend“ schuldistanzierte Jugendliche ermuntern und unterstützen, den einstieg in den Beruf zu finden. Das Projekt begleitet die Jugendlichen über zwei Jahre. In „Future Camps“ werden Stärken entdeckt und Fähigkeiten weiterentwickelt. Mittlerweile machen 150 jugendliche an 20 Standorten bei dem Projekt mit. „Es ist schön zu sehen, wie sich das Selbstbewusstsein der Jugendlichen entwickelt“, freut sich Bettina Wacker. Mittlerweile unterstützen 90 Unternehmen das Projekt und bieten z.B. Praktikums- oder sogar Ausbildungsplätze für die Teilnehmer von Unternehmen Jugend an.

Problemschüler sind auch die Zielgruppe der Arbeit des Christlichen Jugenddorfwerks, berichtet Pfarrer Hühnerbein: „Das Hauptproblem ist doch, wie wir junge Menschen mit Handicap in die Ausbildung bekommen.“ Das Christliche Jugenddorfwerk hat allein 2010 um die 35.000 junge Erwachsene in Bildungsmaßnahmen mit den Themen Jugend und Beruf untergebracht. Er ist sich sicher, dass nur praxisnahe, passgenaue Bildung Jugendliche aus bildungsfernen Milieus hilft. Deshalb wurde ein Projekt in Berlin an sieben Hauptschulen ins Leben gerufen, in dem die Schüler in Praxisklassen in den letzten Jahren zwei Tage in der Woche in die Hauptschule gehen und drei Tage der Woche in die Werkstätten des Christlichen Jugenddorfs. Die praktische Arbeit erleichtert es den Jugendlichen, auch die Theorie aufzunehmen.

MINT-Nachwuchskräfte – die zentrale Herausforderung für die Wirtschaft

„Gerade das „T“ der MINT-Berufe macht uns Sorgen, die Technik,“ weiß Stefan Küpper: „Der Nachwuchsmangel im Ingenieurbereich und auch bei den gewerblich-technischen Berufen ist schon da und wird sich noch verschärfen.“ Deswegen setzt sich die Wirtschaft verstärkt dafür ein, Begeisterung für diese Berufe zu wecken und die vielfältigen Tätigkeiten im MINT-Bereich vorzustellen. Auch Küpper stellt sich die Frage, wie die freien Ausbildungsplätze besetzt werden können. Die Anforderungen an die Schüler wachsen, doch die Qualifikationen der Schulabgänger reichen häufig nicht aus.

„Migrationshintergrund kann große Chance sein!“

„Wir müssen uns mehr den schwächeren Schülern zuwenden und Strategien entwickeln, um auch diejenigen Bewerber, die auf den ersten Blick vielleicht nicht ausreichend qualifiziert erscheinen einzusetzen“, meint Küpper. Dazu gehören gerade auch Schüler mit Migrationshintergrund. In Stuttgart haben mittlerweile beispielsweise 60 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. In dieselbe Richtung argumentiert Pfarrer Hühnerbein. Er fordert einen Stopp der Problematisierung des Migrationhintergrunds. Gerade die Fähigkeit eine andere Sprache zu sprechen oder aber eine fremde Kultur genau zu kennen, kann ein große Chance sein, ist er sich sicher. „Wir haben viel zu lange nur über Defizite gesprochen,“ stimmt ihm Stefan Küpper zu. Küpper verweist auch auf die integrative Wirkung einer funktionierenden Wirtschaft, wie wir sie etwa im Großraum Stuttgart vorfinden.

Küpper fordert auch eine kritische Überprüfung des Systems der Dualen Berufsausbildung. Zum Beispiel müsse überprüft werden, ob es sinnvoll ist, die Ausbildungsberufe immer komplexer zu machen. Vielleicht sollte es auch bei der Ausbildung auf der einen Seite Angebote für starke Schüler geben. Auf der anderen Seite müsse das Ausbildungssystem integrativer werden. Das könnten 2-jährige Ausbildungen sein oder ein modularisiertes System.

Gegen Ende der Diskussion machte sich Pfarrer Hühnerbein dafür stark, das Konzept des lebenslangen Lernens stärker im Bildungssystem, aber auch in den Köpfen der Menschen zu verankern! „Wo ist die Berufsschule für 40-jährige?“, fragt er gerade mit Blick auf die immer längeren Lebensarbeitszeiten der Menschen.

Man ist sich einig: Es muss einen Paradigmenwechsel im Bildungssystem geben. Das ist allerdings noch nicht in allen Köpfen angekommen.
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