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Dokumentation

Forum „Die gefühlte Ungerechtigkeit“

„Die gefühlte Ungerechtigkeit“

„Das ist ungerecht“ – so empfinden nicht wenige Menschen, wenn der eine mehr hat oder erhält als der andere. Das fängt schon bei Geschwistern an, die genau auf Gleichbehandlung durch die Eltern achten, sagte Hubertus Pellengahr, Geschäftsführer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, auf dem Forum „Gefühlte Ungerechtigkeit“. Erst im Laufe der Zeit merken die Geschwister, dass Ungleichhbehandlungen sehr wohl einen Sinn und ihr Gutes haben.

Entscheidend sei vielmehr die Chancengleichheit für jeden. Chancengleichheit sei in der Tat die zentrale Voraussetzung für Gerechtigkeit in der Gesellschaft, bestätigte Professor Heinrich Bedford-Strohm, Theologe an der Universität Bamberg und stellvertretender Vorsitzender der Sozialkammer der EKD. Aber eine rein formell gewährleistete Chancengleichheit sei zu wenig. Um Chancen nutzen zu können, brauche man gezielte Förderung und aktive Unterstützung. Daher sei es nicht richtig, die Verteilungsgerechtigkeit gegen die Chancengerechtigkeit auszuspielen – auch die Sicherung gerechter Chancen brauche Geld und erledige daher das Anliegen einer gerechten Verteilung keineswegs.

Hubertus Pellengahr wandte ein, dass mehr Teilhabe nicht automatisch mehr Geld koste. In vielen Bereichen gehe es um eine bessere Allokation der vorhandenen Mittel. Schließlich sei der Abbau der gigantischen Staatsverschuldung das Megathema unserer Zeit. So habe es keinen Sinn, kostenfreie Kindergärten auch für Eltern mit guten Einkommen anzubieten. Prioritär müsse die Förderung von Migrantenkindern im Bildungssystem sein. Sicherlich müsse die Allokation besser werden, stimmt der evangelische Theologe zu – aber es müsse in Bildung auch deutlich mehr investiert werden. Dazu müssen die Wohlhabenden, auch die Wirtschaft, mit ihrem Steueraufkommen beitragen. Leider zeigt die Erfahrung, dass höhere Einnahmen des Staates zu neuen Ausgaben durch die Politik führen, die weniger nach Notwendigkeit als nach Wählerstimmen gehen, wandte Pellengahr ein. Ein einfacheres Steuersystem mit niedrigeren Sätzen, aber im Gegenzug weniger Ausnahmetatbeständen sichere letztlich das Steueraufkommen besser – und was auf den ersten Blick ungerecht scheint, ist auf den zweiten Blick sogar gerechter.

Moderator Dominik Enste warf die Frage nach dem Verhältnis von Kirche und Unternehmertum auf – werden Unternehmer positiv gesehen oder sind sie eher notwendiges Übel? Die Unternehmerdenkschrift der EKD von 2008 ermutige ausdrücklich zu unternehmerischem Handeln, unterstrich Bedford-Strohm. Sie ermahne ebenso, im Unternehmen ethisches Handeln umzusetzen – beides gehöre zusammen. Die Soziale Marktwirtschaft werde von der Kirche ganz klar bejaht; fraglich sei aber, ob ihre Umsetzung heute noch stimme. Entscheidend sei für dieses Konzept, dass alle etwas davon haben – die Vorteile sind gegenseitig und nicht einseitig. Eben diese „Reziprozität“ werde heute von den Menschen vermisst. Dem stimmte Pellengahr zu: Soziale Marktwirtschaft sei etwas völlig anderes als der Turbokapitalismus des Finanzmarktes, für den es einfache nachvollziehbare Regeln brauche. Bei allen Unterschieden zwischen Kirche und Wirtschaft in der Prioritätensetzung, so das Resümee des Forums, waren doch die Gemeinsamkeiten in der Diskussion sehr deutlich.
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