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Dokumentation

Forum „Einstieg in Arbeit – Aufstieg durch Bildung“

„Es ist doch paradox: Auf der einen Seite haben wir eine zu hohe Arbeitslosigkeit, auf der anderen Seite ist eines der Hauptthemen bei den Unternehmen der drohende Fachkräftemangel“, beginnt Peter Clever, Mitglied der Hauptgeschäftsführung der BDA, unsere lebhafte dritte Diskussionsrunde auf dem ÖKT. Mit ihm diskutieren Prof. Dr. Georg Cremer, Generalsekretär Deutscher Caritasverband, und Prof. Dr. Dieter Timmermann, Professur für Bildungsplanung und Bildungsökonomie an der Universität Bielefeld. Die Moderation übernimmt Dr. Ulrich Hinz, Leitung Studienkompass Stiftung der deutschen Wirtschaft.

Der Nachwuchs ist nicht ausbildungsfähig. Das konnten wir in der letzten Zeit immer häufiger in der Zeitung lesen. Für Peter Clever ist ganz klar, dass der Einstieg in eine vertiefte Berufsorientierung in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit sinnvoll ist. Viel Geld in die Hand zu nehmen und in der 6. oder 7. Klasse eine qualifizierte Berufsorientierung zu bieten sei zielführender und auch kostengünstiger, als später „reparieren“ zu müssen. Sein Appell lautet daher: Um in der Fläche Jugendliche erfolgreich in den Beruf zu bringen, müssen alle Schulen und Arbeitsagenturen miteinander verbunden werden.

Aus Sicht von Prof. Timmermann sollte die Berufsorientierung allerdings nicht überbewertet werden. Er appelliert vielmehr daran, die kognitiven Fähigkeiten der Jugendlichen besser zu fördern, da das kognitive Potential von mehr als einem Drittel der Kinder und Jugendlichen nicht ausgeschöpft werde. „Was wir brauchen ist mehr Förderung der Denkfähigkeit, Strukturierungsfähigkeit und Ordnungsfähigkeit. Deswegen müssen die Kinder lesen, Mathe und Naturwissenschaften verstärkt lernen.“

Für Prof. Cremer liegt das Hauptproblem darin, dass das deutsche Bildungssystem zu schlecht auf bildungsferne Milieus ausgerichtet ist. Er fordert mehr Elternarbeit und eine stärkere Ausrichtung des Schulunterrichts an den Interessen der Schülern. Schule müsse wesentlich mehr Sozialarbeit leisten.

„Wir haben ein ‚Alles-oder-Nichts-Prinzip’ – das darf nicht sein“

Im Zusammenhang mit dem deutschen Bildungssystem bemängelt Peter Clever, das wir ein „Alles-oder-nichts-Prinzip“ bei der Berufsausbildung haben und fordert, dass die Berufsausbildung in Modulen stattfinden solle, so dass ein Auszubildender auch wenn er nicht die ganze Berufsausbildung geschafft hat, zumindest Teile davon zertifiziert bekommt. Moderator Hinz bringt es auf den Punkt: „Wir müssen zusätzliche Brücken bauen!“

Lebhafte Diskussion beim Thema „Einstieg in Arbeit“

Der Einstieg in Arbeit auch für Geringqualifizierte beschäftigte die Diskutanten im zweiten Teil des Forums. Peter Clever ist es wichtig, mit dem Vorurteil aufzuräumen, dass der Niedriglohnbereich die Menschen in Armut brächte. Der Armutsbegriff ist relativ; d.h. je mehr Reiche nach Deutschland ziehen, desto mehr Arme gibt es. Er prangert außerdem an, dass die rechtliche Möglichkeit, volle Sozialleistungen zu empfangen und sich nebenbei ein Taschengeld hinzuzuverdienen, nicht zielführend sei. Damit würden Ungerechtigkeiten herbeigeredet, die es so nicht gibt.

Mehr und bessere Betreuungsmöglichkeiten für Alleinerziehende, sind nötig, damit sie nicht in eine längere Arbeitslosigkeit rutschen oder „aufstocken müssen“. Darin sind sich alle Diskutanten einig. Auf der anderen Seite muss schon früh angefangen werden, auch den Allerkleinsten schon eine hervorragende Betreuung zuteil werden zu lassen – Stichwort frühkindliche Bildung. Mindestens ebenso wichtig ist das lebenslange Lernen. Weiterbildung ist das A und O für eine erfolgreiche berufliche Karriere, weiß Prof. Timmermann.

Ein eindringlicher Appell erfolgt am Ende: Wir steuern in eine Wissensgesellschaft, deshalb brauchen wir immer mehr gut ausgebildete Menschen in Deutschland, so Prof. Timmermann. Mehr Respekt für Menschen, die einfache Tätigkeiten ausüben, fordert Peter Clever zum Schluss – und erntet spontanen Publikumsbeifall.
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