argumente

Wir bilden aus!

Der Wirtschaft wird oft vorgeworfen, selbst an Fachkräfteengpässen schuld zu sein, etwa weil sie zu wenig ausbilde. Dabei werden irreführende oder falsche Behauptungen u. a. zum Bewerbermangel oder zur Ausbildungsbeteiligung der Betriebe aufgestellt.

Irrtum: Nur 20 % der Betriebe in Deutschland bilden aus.
  • Zwischen 2012 und 2018 bildeten 82 % der ausbildungsberechtigten Betriebe kontinuierlich oder mit Unterbrechung aus (IAB, 2019).
  • Nur gut die Hälfte aller Betriebe ist überhaupt ausbildungsberechtigt (2018 : 54 %, IAB, 2019 ). Bei der Ausbildungsbeteiligung dürfen die Betriebe ohne Ausbildungszulassung nicht mitgezählt werden.
  • 95 % der Betriebe in Deutschland sind kleine und Kleinstbetriebe, die immer wieder, aber nicht pausenlos ausbilden können. Die Ausbildungsbeteiligung der Wirtschaft muss daher über einen mehrjährigen Zeitraum und nicht nur in einem Jahr betrachtet werden.
  • Während der Laufzeit des Ausbildungspakts 2004 bis 2014 gewann die Wirtschaft durch direkte Ansprache und Beratung jährlich 40.000 bis 50.000 Betriebe neu für Ausbildung. Seit der Weiterentwicklung des Ausbildungspakts zur Allianz für Aus- und Weiterbildung meldeten die Unternehmen über 50.000 Ausbildungsplätze mehr der Bundesagentur für Arbeit (BA). Dies erhöht die Sichtbarkeit des Engagements der Betriebe für Ausbildung und die BA kann Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt besser vereinen.
Irrtum: Es gibt gar keinen Bewerbermangel auf dem Ausbildungsmarkt.
  • Der Überhang an unbesetzten Ausbildungsplätzen gegenüber unvermittelten Bewerberinnen und Bewerbern nahm in den letzten Jahren deutlich zu: Das Plus betrug 2009 noch 1.600, bis 2019 wuchs es auf rund 28.600 an (BA, 2019). Die als erfolgreiche Brücke in die Ausbildung bewährten Einstiegsqualifizierungs-Angebote (EQ) sind hier noch nicht eingerechnet.
  • Laut der DIHK-Ausbildungsumfrage 2019 konnten 2018 rd. ein Drittel der Betriebe Ausbildungsplätze nicht besetzen, 2006 waren es nur 12 %.
  • Die Zahl gemeldeter Ausbildungsbewerber ist in den letzten Jahren stark zurückgegangen, von 770.000 in 2000 auf 511.799 in 2019 (BA, 2019).
  • Richtig ist, dass viele der gemeldeten Jugendlichen in Alternativen münden. Allerdings entscheiden sich viele bei der BA gemeldete Ausbildungsstellenbewerber dann doch für Schule oder Studium (2019 waren das 16 % oder ca. 82.577) oder benötigen eine Berufsvorbereitung (2019 2 % oder ca. 11.700) (BA, 2019). Bei zahlreichen Bewerbern (13% oder ca. 110.900 ) konnte der Verbleib nicht nachverfolgt werden, wobei davon auszugehen ist, dass viele von ihnen doch eine Ausbildung gefunden oder sich bewusst für Alternativen entschieden haben. Auch verbleiben viele Jugendliche in ihrer bereits vorhandenen Ausbildungsstelle, die sie lediglich wechseln wollten.
  • Übrigens: Ganz auf null reduzieren kann man die Zahl unvermittelter Bewerberinnen und Bewerber nicht. Selbst im Jahr 1992, als es rd. 300.000 mehr gemeldete Stellen als Bewerbungen gab, blieben rd. 13.000 Jugendliche unvermittelt, u.a. weil betriebliche Angebote und Berufswünsche der Jugendlichen nicht zusammenpassen.
Irrtum: Nur jeder zweite Ausbildungsplatzbewerber findet eine Lehrstelle.
  • Diese Annahme basiert auf einer Fehlinterpretation der BA-Statistik: Zwar erhielten 2019 durch Vermittlung oder mit Kenntnis der BA 262.540 von 511.799 gemeldeten Bewerberinnen und Bewerbern einen Ausbildungsplatz. Insgesamt wurden aber 525.081 Ausbildungsverträge abgeschlossen. 571.982 Ausbildungsstellen waren 2019 bei der BA gemeldet.
  • Die Statistik der BA bildet nur ihr eigenes Vermittlungsgeschäft und damit nicht das ganze Ausbildungsgeschehen ab. Nicht jeder Betrieb meldet der BA seinen Ausbildungsplatz, nicht jeder Jugendliche meldet sich dort als Bewerber und nicht jeder Eintritt in Ausbildung wird von den Arbeitsagenturen erfasst. Insgesamt wurden 2018 laut Berufsbildungsbericht 2019 589.100 Ausbildungsplätze angeboten. Dies entspricht den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen plus der bei den Agenturen für Arbeit noch unbesetzten Ausbildungsplätze
Irrtum: Alle Schulabgänger und Schulabgängerinnen sind ausbildungsreif.
  • 21 % der Schülerinnen und Schüler sind laut PISA 2018 nicht ausbildungsreif.
  • 6,6 % der Schulabgänger und Schulabgängerinnen – das sind 53.600 Jugendliche – blieben 2018 ohne Abschluss. Bei ausländischen Jugendlichen sind es sogar 18,2 % (Stat. Bundesamt, 2019).
  • Die Wirtschaft engagiert sich: So setzt sich z. B. das Netzwerk SCHULEWirtschaft für die Kooperation zwischen Schulen und Unternehmen ein. Ziel ist eine im Schulalltag fest verankerte Berufliche Orientierung. Mit dem Berufswahl-SIEGEL werden Schulen für herausragende Berufliche Orientierung ausgezeichnet. Das SIEGEL ist auch ein Tool, um die Berufs- und Studienorientierung kontinuierlich zu verbessern.
Irrtum: Unternehmen kümmern sich nicht um leistungsschwächere Jugendliche.
  • Etwa zwei Drittel der ausbildenden Betriebe bieten Nachhilfe oder Stützunterricht an und integrieren so schwächere Jugendliche in ihre Ausbildung.
  • Das steigende Engagement der Unternehmen für leistungsschwächere Jugendliche spiegelt sich auch im Rückgang des sog. Übergangsbereichs Schule/Ausbildung wider: 2018 sind 35 % weniger Jugendliche in diesen Bereich eingemündet als noch 2005 (Berufsbildungsbericht 2019). Unternehmen können aber nicht zu dauerhaften „Reparaturbetrieben“ werden. Umso wichtiger sind Qualitätsverbesserungen in der Schulbildung.
  • Die Anfängerzahlen im Übergangsbereich waren 2015 und 2016 deutlich angestiegen. Dies war im Wesentlichen auf Programme zum Erlernen der deutschen Sprache für junge Geflüchtete und Zugewanderte zurückzuführen. Seit 2017 ist die Zahl der jungen Menschen im Übergangsbereich wieder rückläufig, da nun stetig mehr junge Geflüchtete in Ausbildung einmünden. Dies belegt auch das Engagement der Arbeitgeber für diese Zielgruppe.
Fakt: Die Wirtschaft hält, was sie verspricht!
  • Die Wirtschaft erfüllt ihre Allianz-Zusage, jedem vermittlungsbereiten Jugendlichen, der zum 30.9. eines Jahres noch keinen Ausbildungsplatz hat, drei Angebote für eine betriebliche Ausbildung zu unterbreiten.
  • Wie stark trotz der Schwierigkeiten, geeignete Auszubildende zu finden, das Engagement der Wirtschaft ist, zeigt auch folgende Entwicklung: Obwohl die Zahl der Schulabgängerinnen und Schulabgänger von 2004 bis 2018 insgesamt um 17,7 % zurückging, wurden 2019 nur 5,8 % weniger Ausbildungsverträge als 2004 abgeschlossen – dem ersten Jahr des Ausbildungspakts.

Vier von fünf ausbildungsberechtigten Betrieben bilden aus

Betriebliche Ausbildungsbeteiligung im Zeitraum 2009 bis 2014, Angaben in %

Sie bilden … Quelle: IAB-Betriebspanel, 2009-2014


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April 2020