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Niedriglohnbereich: Sprungbrett in Beschäftigung

Für viele Menschen ist eine einfache, entsprechend geringer entlohnte Tätigkeit die einzige Chance auf einen Einstieg in Beschäftigung, Teilhabe und Aufstieg. Den Niedriglohnbereich als Armutsrisiko zu diffamieren und mit einem allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn zu „bekämpfen“ wird sie regelrecht vom Arbeitsmarkt aussperren.

Fakt: Niedriglohnbereich ist oftmals die einzige Chance für Geringqualifizierte

  • Knapp die Hälfte der über eine Mio. Langzeitarbeitslosen haben keine abgeschlossene Berufsausbildung, davon hat über ein Drittel noch nicht einmal einen Schulabschluss (BA, 2014). Viele von ihnen können den Einstieg in Beschäftigung in der Regel nur über einfache Tätigkeiten schaffen: Rund 47 % der Geringqualifizierten arbeiten im Niedriglohnsektor (IAQ, 2014).
  • Einfache Tätigkeiten sind in der Regel mit geringer Wertschöpfung verbunden und können nur gering entlohnt werden, weil die Arbeitsplätze sonst mehr kosten als sie erwirtschaften. Marktgerechte Löhne für einfache Tätigkeiten sind nicht unsozial, sondern ermöglichen auch Menschen mit geringer Qualifikation eine produktive Beschäftigung.
  • Zur stärkeren Erschließung der Beschäftigungspotenziale im Bereich einfacher Tätigkeiten, z. B. bei haushaltsnahen Dienstleistungen, ist ein funktionierender Niedriglohnbereich daher unabdingbare Voraussetzung.
  • Rd. 57 % der Geringqualifizierten haben inzwischen eine Beschäftigung, 1999 waren es nur 51 %. Ohne Niedriglohnsektor wäre dieser Sprung nicht möglich gewesen (IW Köln, 2013).

Irrtum: Niedriglohn heißt einkommensarm.

  • Bei der Niedriglohnschwelle handelt es sich um eine willkürliche Definition eines relativen Verdienstniveaus, das sich mit der Entwicklung des allgemeinen Lohnniveaus automatisch verschiebt. Das bedeutet, dass die Niedriglohnschwelle z. B. in Abschwungphasen sinkt – absurderweise geht die Zahl der Niedriglohnbezieher daher gerade in konjunkturell schlechten Zeiten zurück.
  • Ein Niedriglohnjob kann nicht mit Hilfebedürftigkeit oder Armut gleichgesetzt werden. Einem Single mit Vollzeitjob und einem Bruttoverdienst an der Niedriglohngrenze (9,30 €/Stunde, IAQ, 2014) blieben 2012 netto 1.120 € – weit entfernt von einer sozialen Problemlage und deutlich mehr als die Summe, die ein alleinstehender Arbeitslosengeld-II-Empfänger höchstens erhielt (z. B. in Berlin 784 €).
  • Niedriglöhne sind in drei Viertel aller Fälle Nebeneinkünfte, die weniger als die Hälfte des Haushaltseinkommens ausmachen. Sie tragen so zur Verringerung der Armut bei: 82,7 % der Geringverdiener haben andere Einkommensquellen und erzielen ein Gesamteinkommen oberhalb der Armutsgefährdungsschwelle (IW Köln, 2013).
  • Geringe Löhne erhalten zu einem großen Teil Schüler, Studenten, Rentner oder registrierte Arbeitslose, die als Minijobber erwerbstätig sind. 90 % der zusätzlichen zwischen 1994 und 2009 entstandenen Niedriglohnbeschäftigung entfielen auf Minijobber und Teilzeitbeschäftigte (IW Köln, 2011). Bei Minijobbern sind die Sozialabgaben gering, sodass sich hier der Abstand zu Bruttolöhnen oberhalb der Niedriglohngrenze relativiert.

Fakt: Die meisten „Aufstocker“ haben nur einen Teilzeit- oder Minijob

  • Niedriglohnbezieher, die mit ihrem Arbeitslohn ihren Lebensunterhalt bzw. den ihrer Familie nicht decken können, erhalten im Falle der Bedürftigkeit zu Recht ergänzende staatliche Fürsorgeleistungen („aufstockendes“ Arbeitslosengeld II). Somit ist stets ein existenzsicherndes Gesamteinkommen gewährleistet. Dies ist aber kein Beweis für niedrige Löhne: Über 80 % der abhängig beschäftigten „Aufstocker" haben nur einen Teilzeit- oder Minijob und bleiben wegen eines geringen Arbeitszeiteinsatzes bedürftig (BA, 2014).
  • Der gesetzliche Mindestlohn würden am Phänomen des „Aufstockens“ nichts ändern: So muss ein in Berlin lebender, verheirateter Alleinverdiener mit zwei Kindern einen Stundenlohn von rd. 14 € erzielen, um den Anspruch auf „aufstockendes“ Arbeitslosengeld II vollständig zu verlieren.
  • Die vorübergehende „Aufstockung“ des Erwerbseinkommens bei Vollzeittätigkeit ist in der Regel ein Sprungbrett aus der Hilfebedürftigkeit: Im Jahr 2012 bezogen lediglich 15.900 Alleinstehende mit einem Vollzeit(nahen)Arbeitsplatz ganzjährig ergänzendes Arbeitslosengeld II (BA, 2013).

Fakt: Niedriglohnbereich bietet Aufstiegschancen.

  • Der Niedriglohnbereich bietet Aufstiegschancen, die weiter verbessert werden müssen: Rund ein Viertel aller Niedriglohnbezieher schaffen binnen eines Jahres den Aufstieg in eine besser entlohnte Tätigkeit. Je höher die Qualifikation und je länger die Phasen vorheriger Vollzeitbeschäftigung, desto besser sind die individuellen Aufstiegschancen (IW Köln, 2011).
  • Der Aufstieg in eine höher entlohnte Beschäftigung ist bei Geringverdienern im Vergleich zu Arbeitslosen wahrscheinlicher, da Erwerbstätigkeit den Verlust von arbeitsmarktrelevanten Qualifikationen verhindert (IAB, 2008).
  • Statt mit einem einheitlichen gesetzlichen Mindestlohn Geringqualifizierten den Einstieg in Arbeit zu verbauen, müssen die Anstrengungen intensiviert werden, um mehr Menschen den beruflichen Aufstieg zu ermöglichen. Dafür sind Sozialpartner, Politik und Gesellschaft gleichermaßen gefordert. Gezielte Qualifizierungen und Maßnahmen, um insbesondere mehr Frauen in vollzeitnahe Tätigkeiten zu bringen, sind hierfür zentral.

Fakt: Deutschland ist ein Hochlohnland.

  • Mit einem durchschnittlichen gesamtwirtschaftlichen Bruttostundenverdienst von über 20 € bei Vollzeitbeschäftigten (Stat. Bundesamt, 2013) zählt Deutschland nach wie vor weltweit zu den Hochlohnländern.
  • Entscheidend für Investitionen und die Schaffung neuer Arbeitsplätze sind aber nicht die Bruttoverdienste, sondern die gesamten Arbeitskosten, die sowohl die Lohnkosten als auch die arbeitgeberseitigen Sozialbeiträge umfassen.
  • Die Arbeitskosten in der Privatwirtschaft in Deutschland betrugen 2013 im Mittel 31,70 € pro Stunde. Damit ist Arbeit in Deutschland nach wie vor weitaus teurer als im Durchschnitt aller EU-27-Länder (23,70 € pro Stunde, Stat. Bundesamt, 2013).
  • Die in Deutschland weit überdurchschnittliche Belastung des Faktors Arbeit mit Steuern und Sozialabgaben ist dafür verantwortlich, dass die vom Arbeitgeber zu tragenden Arbeitskosten viel höher sind als das Nettoentgelt, das letztlich beim Arbeitnehmer ankommt. So liegt die durchschnittliche Steuer- und Abgabenlast bei einem verheirateten Durchschnittsverdiener mit zwei Kindern um 7,4 Prozentpunkte über dem OECD-Schnitt. Bei einem alleinstehenden Geringverdiener beträgt die Differenz sogar 12,9 Prozentpunkte (OECD, 2014).

Niedriglohnbezieher haben ein geringeres Armutsrisiko als Arbeitslose

Armutsgefährdung verschiedener Bevölkerungsgruppen, 2011

Quelle: IW Köln, 2013


Ansprechpartner

BDA | DIE ARBEITGEBER
Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände

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August 2014