Interview in der B.Z.

Schuldenabbau hat Priorität

Während andere Euro-Staaten unter schwacher Wirtschaft und hoher Arbeitslosigkeit leiden, geht es Deutschland besonders gut. Woran liegt das, und wohin geht die Reise? B.Z. am Sonntag befragte Dieter Hundt (73), seit 16 Jahren Präsident des Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA).
Herr Hundt, Rezession oder Wachstum: Wohin steuert Deutschland 2012?

Auch wenn einige mit Lust den Absturz oder eine Rezession herbeireden: Es gibt aus der Realwirtschaft kaum Anzeichen dafür. Ich gehe von rund einem Prozent Wachstum, angemessenen Lohnzuwächsen und einem weiteren Rückgang der Arbeitslosigkeit aus – wenn uns die europäische Schuldenkrise keinen erneuten Crash beschert.

Niedrige Löhne in Deutschland sollen laut UN-Experten mit Schuld an der Euro-Krise sein.

Das weise ich zurück. Wir sind durch Innovationen und Investitionen und eine produktivitätsorientierte Tarifpolitik wettbewerbsfähiger geworden. An den Guten, den Besten müssen sich die anderen Länder orientieren. Das Niveau des deutschen Fußballs wird ja auch nicht verbessert, indem Bayern München Punkte abgezogen werden, sondern die anderen müssen sich bemühen, auf deren Niveau zu kommen.

Viele Menschen arbeiten für verdammt wenig Geld.

Deutschland ist und bleibt im internationalen Vergleich ein Hochlohnland. Es gibt einzelne Bereiche, deren Wertschöpfung nur geringe Löhne zulässt. Aber wir haben erreicht, dass in den letzten Jahren viele Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte in Beschäftigung gekommen sind.

Viele können von ihrem Verdienst nicht leben.

In aller Regel kann ein Vollzeitarbeitnehmer von seiner Arbeit leben. Schwierig wird es in manchen Bereichen erst dann, wenn er eine Familie versorgen muss. Aber dafür hat der Staat Vorsorge getroffen und nicht Mindestlöhne, sondern Mindesteinkommen definiert: Für diese Fälle gibt es ergänzende Zuzahlungen des Staates.

Warum soll der Steuerzahler geizige Chefs subventionieren?

Oft können Geringqualifizierte und Langzeitarbeitslose nur über einfache Tätigkeiten in ein Arbeitsverhältnis gelangen, aus dem sich dann mehr entwickeln kann. Diese Rechnung geht auch gesamtwirtschaftlich auf: Ein Arbeitsloser ist teurer als ein Aufstocker. Jeder Aufstieg setzt einen Einstieg voraus.

Sogar die CDU will jetzt Mindestlöhne.

Wir haben Mindestlöhne in allen Tarifverträgen, auch für die Zeitarbeit und Gesetze für Bereiche, in denen keine Tarifbindung besteht. Ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn ist überflüssig. Die Politik sollte sich um die Dinge kümmern, die dringend vorangebracht werden müssen.

Als da wären?

Für mich hat Schuldenabbau die höchste Priorität. Daher hätte ich mir für 2012 auch einen ausgeglichenen Haushalt gewünscht statt 26 Milliarden Neuverschuldung. Mit Sorge beobachte ich ferner, dass Leistungen in der Pflege- und Rentenversicherung ausgeweitet werden sollen, ohne dass klar ist, wie diese auf Dauer finanziert werden sollen.

Und weiter?

In Sachen Energiewende passiert viel zu wenig. Wenn wir bis 2022 alle Kernkraftwerke abschalten wollen, müssen ganz schnell andere Kraftwerke gebaut werden sowie Speicherkapazitäten und Stromleitungen. Da kommen große Probleme auf uns zu.

Also hat Sie Schwarz-Gelb enttäuscht?

Schwarz-Gelb funktioniert in Dortmund hervorragend (lacht). Deutscher Meister, und jetzt schon wieder vorne mit dabei… Nein, ich begrüße den Einsatz der Kanzlerin auf EU-Ebene sehr, wie sie darum kämpft, dass einzelne Länder die Notwendigkeit des Sparens begreifen und umsetzen.

Und innenpolitisch?

Da gibt es unnötige Dinge wie die erneute Diskussion über die Rente mit 67 um die Jahreswende. Dabei ist doch klar, dass länger gearbeitet werden muss, wenn die allgemeine Lebenserwartung steigt. Ich würde mir insgesamt wünschen, dass die drei Koalitionspartner zielgerichteter und einvernehmlicher vorgehen. Aber etwas Zeit haben sie ja noch.

Was halten Sie von einer Frauenquote?

Ich halte sie für überflüssig. Die Wirtschaft will mehr Frauen in Führungspositionen. Aber das
muss branchen- und unternehmensindividuell geregelt werden. In meinem Betrieb bewerben sich kaum junge Frauen für Ausbildungsplätze– trotz Girlsday, Schulprojekten und Schnupperkursen. Wenn unten keine Frauen einsteigen, fehlen sie später an der Spitze der Pyramide.
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