Interview Dr. Dieter Hundt in der Passauer Neuen Presse

"Keine Anzeichen für einen dramatischen Absturz"

Arbeitgeberpräsident Dr. Dieter Hundt sieht die deutsche Wirtschaft bestens aufgestellt. Bei den Arbeitslosenzahlen rechnet er mit einem weiteren Rückgang im Jahr 2012, erklärte er heute (12. Januar 2012) in einem Interview mit der Passauer Neuen Presse.
Die Euro-Krise greift immer weiter um sich – droht Deutschland das Abrutschen in die Rezession?

Hundt: Natürlich schwebt die europäische Schuldenkrise als Risiko wie ein Damoklesschwert über uns. Aber trotzdem: Die deutsche Wirtschaft steht weiter sehr gut da. Von der Automobilindustrie bis zu Maschinenbau, Medizintechnik und Chemie – die Signale sind nach wie vor positiv. Ich sehe keine Anzeichen für einen dramatischen Absturz. 2012 werden wir sicherlich ein geringeres Wachstum haben als im vergangenen Jahr. Aber es wäre gut, wenn wir jetzt nicht auch noch eine Rezession herbeireden würden.

Was macht Sie so sicher, dass die Krise nicht ähnlich rasant wie 2008/2009 auf die Realwirtschaft überspringt?

Hundt: Ich halte einen großen Crash wie 2008 nicht für wahrscheinlich. Europa hat klug reagiert. Die Beschlüsse der Staats- und Regierungschef vom vergangenen Dezember waren richtig. Es ist richtig, dass in der EU gemeinsam auf Haushaltskonsolidierung, eine besser abgestimmte Fiskalpolitik und automatische Sanktionen gesetzt wird. So kann ein zweiter Fall Lehman Brothers, ein weltweiter wirtschaftlicher Absturz nach der Pleite eines Bankhauses verhindert werden.

Was halten Sie denn von den Überlegungen für eine Finanzmarktransaktionssteuer?

Hundt: Ich kann nachvollziehen, dass viele fordern, die Finanzwirtschaft an der Beseitigung der Krisenfolgen zu beteiligen. Aber die Experten sollten sich die Sache noch einmal genau anschauen. Wenn eine Finanzmarkttransaktionssteuer nicht für die gesamte EU der 27 gilt, hätte dies beträchtliche Nachteile. Andere Finanzplätze, die nicht mitmachen, würden profitieren. Dann werden die Geschäfte eben über London gemacht und nicht über Frankfurt.

Wie krisenfest ist der deutsche Arbeitsmarkt?

Hundt: Wir können sehr zufrieden sein. Der Arbeitsmarkt zeigt sich robust. Mit 41 Millionen Erwerbstätigen haben wir einen Rekordwert seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland erreicht. Es wird auch 2012 noch einmal eine deutliche Verringerung der Arbeitslosenzahl geben. Im Jahresschnitt rechne ich mit einem Rückgang auf bis zu 2,8 Millionen.

Die Gewerkschaften erhoffen sich 2012 satte Lohnzuwächse – auch als Anti-Krisen-Signal. Sehen Sie dafür Spielräume?

Hundt: Die Tarifpartner haben sich in den letzten Jahren außerordentlich verantwortungsbewusst verhalten. Es gab 2011 Lohnerhöhungen um die drei Prozent, in erfolgreichen Industriebranchen wie Chemie und Stahl sogar um die vier Prozent. Ich erwarte auch in diesem Jahr angemessene Abschlüsse unter Nutzung aller tarifpolitischen Werkzeuge. Ich denke da an Flexibilität, Einmalzahlungen, längere Laufzeiten und betriebliche Öffnungsklauseln. Die produktivitätsorientierte und differenzierte Tarifpolitik der letzten Jahre hat die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands gestärkt. Diesen Kurs müssen wir fortsetzen.

Die Gewerkschaften wollen bei den bevorstehenden Tarifrunden allerdings einen kräftigen Schluck aus der Pulle, auch angesichts der guten Lage vieler Betriebe . . .

Hundt: Wenn es einem Unternehmen gut geht, muss es auch seinen Beschäftigten gut gehen. Es kommt aber darauf an, dass wir nicht überziehen. Alles, was über den Produktivitätsfortschritt hinausgeht, geht zu Lasten von Arbeitsplätzen.

Die SPD fordert gesetzliche Beschäftigungsquoten für Ältere. Was spricht dagegen?

Hundt: Erst die Frauen-, dann die Ausländerquote und jetzt auch noch eine Quote für Ältere. Arbeitsmarkt und Wirtschaft dürfen nicht stranguliert werden. Die Anstrengungen der Firmen und die demografische Entwicklung sorgen dafür, dass mehr und mehr Ältere in den Betrieben beschäftigt werden. Die Rente mit 67 ist ohne Alternative.

Anderthalb Jahre bleiben der Koalition bis zur Bundestagswahl. Welche Weichenstellungen erwarten uns noch?

Hundt: Die Koalition muss bei der Reform der sozialen Sicherungssysteme entschieden nachlegen. Nach jetzigem Stand hätten wir am Ende der Legislaturperiode unterm Strich einen höheren Sozialversicherungsbeitrag als zu Anfang. Es muss zu Jahresbeginn 2013 Entlastungen bei den Sozialbeiträgen geben. Auf Beitragserhöhungen wie bei der Pflege oder zusätzliche Leistungen in der Rentenversicherung muss die Koalition verzichten. Ich kann nur dringend raten, die Pläne für das arbeitsmarkt- wie bildungspolitisch unsinnige Betreuungsgeld zu verwerfen. Erforderlich ist auch, dass die Regierung endlich die Tarifeinheit gesetzlich regelt.

Themenwechsel: Deutschland diskutiert über Christian Wulff und dessen Kreditaffäre. Hat der Bundespräsident noch Ihr Vertrauen?

Hundt: Die Dinge sind gelaufen, wie sie gelaufen sind. Christian Wulff hat viel zur Aufklärung beigetragen. Eine Fortsetzung der Debatte schadet dem Ansehen unseres höchsten Staatsamtes. Keiner der Vorwürfe wiegt so schwer, dass Christian Wulff zurücktreten müsste.

Das Interview führte Rasmus Buchsteiner (Passauer Neue Presse).