19.03.2014

Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt

Am Ende des letzten Jahres verabschiedeten das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) eine gemeinsame Erklärung. Damit reagierten die drei Sozialpartner auf die zunehmende Bedeutung psychischer Gesundheit in der Arbeitswelt.
Sie bekannten sich dazu, unabhängig von unterschiedlichen Positionen in Einzelfragen, gemeinsam zur Reduzierung von psychischen Belastungen zur Prävention von psychischen Erkrankungen sowie zur erfolgreichen Wiedereingliederung von psychisch erkrankten Beschäftigten beizutragen. Um es aber nicht bei einer Erklärung zu belassen, luden DGB und BDA am 19. März 2014 zu einer gemeinsamen Veranstaltung mit etwa 300 Gästen ein. Mit vielen unterschiedlichen Akteuren sollte ein möglichst breites Spektrum an Analysen und Lösungsansätzen zur psychischen Gesundheit in der Arbeitswelt präsentiert und das Thema damit weiter vorangetrieben werden.

In ihrer Begrüßung formulierten die beiden Gastgebenden Alexander Gunkel (BDA) und Annelie Buntenbach (DGB) gleichermaßen das Ziel, ausgehend von der gemeinsamen Erklärung vor allem Handlungshilfen für die Praxis in den Betrieben und Verwaltungen entwickeln zu wollen. Alexander Gunkel verwies auf die Erklärung als einen ersten Schritt auf dem Weg, den man nun weiter gehen wolle. Es sei aber schon jetzt einiges erreicht worden. Auch Annelie Buntenbach betonte, man stehe nicht am Anfang der Debatte, sondern sei schon mittendrin. Viele Partner würden auch in der Praxis bereits mithelfen. Darüber hinaus habe man bereits genug Wissen über Maßnahmen gewonnen, die psychische Belastungen verhindern oder verringern können, um diese nun auch in einer Anti-Stress-Verordnung verbindlich zu machen.

Bundesministerin Andrea Nahles begrüßte das gemeinsame Vorgehen der Sozialpartner in der Auseinandersetzung mit psychischen Belastungen am Arbeitsplatz. Die gemeinsame Erklärung hebe die Gleichrangigkeit von psychischen Belastungen mit traditionell anerkannten physischen Belastungen hervor. Dafür möchte sie den Forschungsprozess in diesem Bereich weiter voranbringen. Sie versprach, das Thema auch weiterhin aktiv zu begleiten und noch in dieser Legislaturperiode weitere Ergebnisse zu präsentieren. Eine Anti-Stress-Verordnung sei durchaus ein Teil des angestoßenen Prozesses.

Im Anschluss an die Statements moderierte Petra Schwarz, die erfolgreich durch die gesamte Veranstaltung führte, eine Diskussionsrunde der Sozialpartner. Darin konnten alle Beteiligten wichtige Punkte der gemeinsamen Erklärung identifizieren, die für eine positive Entwicklung stehen. Es wurden allerdings auch Unterschiede in Einzelfragen deutlich. Eva Maria Welskop-Deffaa aus dem ver.di Bundesvorstand hob hervor, dass sich die Bedingungen am Arbeitsplatz verändert haben. Es könne daher nicht nur um die Therapie von bereits Erkrankten gehen, sondern vor allem um den Umgang mit und die Reduktion von psychischen Belastungen am Arbeitsplatz. Der Hauptgeschäftsführer Gesamtmetall Peer-Michael Dick verwies auf die Schwierigkeit, psychische Belastungen tatsächlich zu messen. Dr. Gerd Benrath, Hauptgeschäftsführer AGV Banken, plädierte dafür, die Akteure im Betrieb mit einzelfallspezifischen Handlungsideen zu unterstützen. Weitere gesetzliche Regelungen hielt er nicht für nötig. IG Metall Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban sprach sich demgegenüber für eine Anti-Stress-Verordnung aus und schlug eine Arbeitsgruppe vor, in der alle Beteiligten über sinnvolle Regelungen diskutieren könnten.

In ihrem Vortrag arbeitete die Präsidentin der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Isabel Rothe, aktuelle Befunde zu psychischen Belastungen im Arbeitsleben heraus. Sie gab einen Überblick über Entwicklungen, den Handlungsbedarf und die Handlungsmöglichkeiten in diesem Zusammenhang. Als Schlussfolgerung hob sie die Notwendigkeit eines Dialogs zwischen Sozialpartnern, Arbeitsschutzakteuren und der Wissenschaft hervor.

Senatsdirektor Dr. Volker Kregel von der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz Hamburg sprach als Vertreter der Länder über die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA). Er erklärte, diese biete Leitlinien für die Arbeitsschutzbehörde, die Betriebe zu überwachen, sie aber genauso zu beraten und zu unterstützen. Der Dreh- und Angelpunkt dafür sei das Instrument der Gefährdungsbeurteilung. Für die Zukunft wird es ihm nach aber darum gehen, mit der Anti-Stress-Verordnung einen rechtlichen Rahmen zu definieren.

Andreas Horst, Referatsleiter für Grundsatzfragen des Arbeitsschutzes vom BMAS, verdeutlichte Anspruch, Ziele und Instrumente der GDA. Er zeigte auf, was im Rahmen des Arbeitsprogramms Psyche bereits erreicht werden konnte und welche nächsten Schritte geplant seien. Doch er betonte ebenso, dass die Arbeitsschutzstrategie nur durch die Kooperation aller Beteiligten erfolgreich sein könne und es neben dem Arbeitsschutz auch auf Kuration, Rehabilitation und Wiedereingliederung ankomme.

Die Leiterin des Geschäftsbereichs Prävention von der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe, Isabel Dienstbühl, gab einen Einblick in Verfahren und Einflussfaktoren der Gefährdungsbeurteilungen für die Arbeitsgestaltung. Sie betonte, dass es sich dabei um ein prozess- und lösungsorientiertes Instrument handle. Maßgeschneiderte Maßnahmen gegen psychische Belastungen können ihrer Erfahrung nach ein Garant für wirkungsvolle Prävention sein.

Im Anschluss an diese Vorträge konnten Praxisbeispiele einen Eindruck vom Umgang mit psychischen Belastungen in einzelnen Betrieben vermitteln. Jacqueline Dziurla (Personalleitung) und Lothar Rother (Betriebsratsvorsitzender) berichteten für die Landbäckerei Ihle, sich in einem längeren Prozess auf eine Betriebsvereinbarung geeinigt zu haben. Beide hoben den darin verankerten Steuerungskreis hervor, der eine nachhaltige Zusammenarbeit für den Schutz vor psychischen Belastungen ermöglicht. Herbert Botz (Geschäftsführer Jobcenter Rhein-Erft) und Uwe Lehmensiek (Personalratsvorsitzender Jobcenter Region Hannover) berichteten aus den Erfahrungen in ihren Jobcentern. Schon 2008 seien Projekte zu Gefährdungsanalysen begonnen worden. Herbert Botz betonte, dass sich ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen in Fragen des Schutzes vor psychischen Belastungen gar nicht so konfrontativ gegenüber stünden, wie vielleicht in anderen Fragen.

Die Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation, Dr. Helga Seel, lenkte in ihrem Vortrag den Blick auf die Wiedereingliederung psychisch erkrankter Menschen. Sie zeigte auf, welche Unterstützung für Betriebe notwendig ist und was sich in der Hilfe der Betroffenen sowie bei der Organisation von Dialogen und Zuständigkeiten noch verbessern muss.

Abschließend zogen Annelie Buntenbach und Alexander Gunkel ein positives Fazit für die Veranstaltung. Sie konnten einige Erkenntnisse aus den vielfältigen Beiträgen gewinnen. Die Gastgebenden kündigten deshalb an, das Thema mit weiteren Veranstaltungen voranbringen zu wollen: Im Herbst diesen Jahres werden BDA und DGB zu einem gemeinsamen Workshop der Selbstverwalterinnen und Selbstverwalter aus DGUV und GKV zum Thema „Zusammenarbeit bei der Prävention“ einladen. Zu Beginn des nächsten Jahres soll eine gemeinsame Veranstaltung zur Versorgung psychisch kranker Menschen folgen.
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